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Gedankensplitter: "Gute" Ratschläge

An guten Ratschlägen mangelt es nicht. Gerade hat wieder jemand in mein Gästebuch geschrieben, ich solle flexibeler sein, und auch das Patentrezept fehlte nicht, ich solle mich selbständig machen.

Das passt wunderbar zu dem Fall, der Ende 2006 durch die Presse ging: Kurt Beck versprach einem langhaarigen, unrasierten Arbeitslosen eine Stelle, wenn er sich waschen und rasieren würde.

In meinen Augen ist das absoluter Schwachsinn. Liebe Leute, es geht doch nicht allein um mich. Macht doch mal die Augen auf und denkt global!

Gibt es irgendwo in Deutschland eine freie Stelle, die unbesetzt bleibt, nur weil ich nicht flexibel bin? Oder weil irgend ein Arbeitsloser sich nicht rasiert? Ganz bestimmt nicht!

Auf jede freie Stelle kommen Dutzende von Bewerbern. Wenn der oben erwähnte Arbeitslose sich wäscht und rasiert, bekommt er den Job - wenn nicht, bekommt ein anderer den Job. So oder so wird die Stelle besetzt, und so oder so muss die Sozialkasse weiter zahlen, entweder für den einen oder für den anderen. Es ist also völlig egal!

Das Statistische Bundesamt meldete für Februar 2007 4,222 Millionen Arbeitslose und 624.000 offene Stellen. Selbst wenn alle Arbeitslosen optimal qualifiziert wären (und natürlich auch frisch gewaschen und rasiert), würden immer noch über 3,5 Millionen von ihnen ohne Stelle bleiben.

Da hilft auch Selbständigmachen nichts. Selbständigmachen bedeutet, sich von dem großen Kuchen ein Stück zu erkämpfen, also anderen Selbständigen ein Stück entreißen. Vorzugsweise indem man die gleiche Arbeit billiger anbietet. Wenn man geschickt ist, kann man damit überleben. Auf Kosten der anderen, denen man die Arbeit weggenommen hat und die dann Konkurs anmelden müssen. Global gesehen auch keine Lösung.

Also: ich habe diese Internetseite nicht für mich gemacht, sondern für alle diese 3,5 Millionen Arbeitslosen, die (rein rechnerisch) keine Chance haben, einen Job zu bekommen, und von denen trotzdem verlangt wird, bis 67 zu arbeiten.